Die Genossenschaft mit Spareinrichtung

Die Genossenschaft mit Spareinrichtung

 Die Siedlung Am Schragen

Am 16. Dezember 1922 wurde die Wohnungsgenossenschaft „Vaterland“ gegründet, die seit 2006 mit der PWG 1956 eG verschmolzen ist. Wir wollen an dieser Stelle an die Geschichte der Genossenschaft erinnern.

Dr. Detlef Harms

Die schwierige Suche nach einem Ausweg aus der Wohnungsnot in Potsdam nach dem Ersten Weltkrieg

Die staatliche Neuordnung im Ergebnis des Ersten Weltkrieges und die Abdankung des kaiserlichen Obrigkeitsstaates im Jahre 1918 eröffneten auch dem Wohnungswesen neue Perspektiven. Es waren neue Konzepte zur Beseitigung der in Deutschland herrschenden Wohnungsnot gefragt. Während und nach dem Ersten Weltkrieg war die private Bauwirtschaft infolge hoher Baupreise, Kapital- und Baustoffmangels, niedriger Mieten und gesunkener Realeinkommen auf einem Tiefpunkt angelangt. Auch in Potsdam gab es angesichts der angespannten wirtschaftlichen Entwicklung bis Anfang der 20er Jahre keine nennenswerte Bautätigkeit, während viele Einwohner der Stadt in katastrophalen Wohnverhältnissen lebten. Verschiedene sozial gebundene, gesellschaftliche Gruppen bemühten sich jedoch in diesen Jahren, die Planung und Baudurchführung von Wohnungsneubauten sowie die Vermietung und Betreuung von Wohnraum selbst in die Hand zu nehmen.

Originalgrundriss Am Schragen von 1923

Mittlere und höhere Beamte aus Berlin und Potsdam hatten zum Beispiel den Gemeinnützigen Deutschen Beamten-Siedlungsverein „Vaterland“ e.G.m.b.H. in Berlin gegründet. Etwaige Aktivitäten im Wohnungsbau gestalteten sich aber für den Verein auf Grund der inflationären Entwicklung sehr schwierig. Auf der Generalversammlung des Vereins vom 11. November 1922 im Hotel „Reichsgraf Hoditz“ in Potsdam zog das Vorstandsmitglied Hanno eine ernüchternde Bilanz: „Der Verein hat bisher weder Grundstücke erworben, noch Bauten ausgeführt. Es wäre an vielen Stellen verhandelt worden, aber ohne Erfolg. Seit 1922 erschien es aussichtslos, bauen zu wollen.“

Eine bestehende „Potsdamer Fraktion“ dieses Vereins wollte deshalb die Geschicke in die eigene Hand nehmen. Nachdem im Vorfeld der oben genannten Generalversammlung die Bildung eines Potsdamer Zweigvereins gescheitert war, fand am 16. Dezember 1922 mit Potsdamer Mitgliedern des bestehenden Vereins eine neuerliche Versammlung statt. Hauptinitiator der Versammlung war Regierungsbaumeister Georg Karl Agathon Fritsch (1890-1955), der mit weiteren Beamten der Potsdamer Regierung endlich den Wohnungsbau in Angriff nehmen wollte. Beschlossen wurde auf dieser Versammlung die Beschränkung der Vereinstätigkeit auf Potsdam und die Namensänderung in Gemeinnütziger Beamten-Siedlungsverein „Vaterland“ Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Der 16. Dezember 1922 gilt somit als Gründungsdatum für die Genossenschaft.

In den Vorstand wurden gewählt zum 1. Vorsitzender Regierungsbaumeister Georg Fritsch, zum 2.Vorsitzender (Schriftführer) Regierungsobersekretär Karl Bohnert und zum 3.Vorsitzender (Kassierer) Regierungsobersekretär Wilhelm Kühne. Im § 2 der Satzung wurde der Gegenstand des Unternehmens wie folgt beschrieben: „den Mitgliedern in Kleinsiedlungen gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen mit hinreichendem Gartenland in eigens erbauten oder angekauften Häusern in Potsdam und Umgebung zu verschaffen.“ Die Eintragung in das Genossenschaftsregister erfolgte unter dem 5.Januar 1923.

Mietvertrag von 1924

Dem Vorstand gelang es in der Folge bürokratische Hindernisse zu überwinden und Bauland für das erste Bauprojekt des Vereins zu beschaffen. Mit dem Kaufvertrag vom März 1923, der heute noch vorliegt, wechselten über 37.000 m² „des ehemals reichsfiskalischen Bornstedter Feldes“ für 30 M pro Quadratmeter den Besitzer. Der Verein verpflichtete sich gleichzeitig in dem Vertrag, „in Gemässheit seiner Satzungen von den auf dem Gelände errichteten Wohnungen die Hälfte für preußische Staatsbeamte, die andere Hälfte zu gleichen Teilen für Reichsbeamte und Heeresangehörige bereitzustellen“. Das Preußische Staatsministerium gab seine Zustimmung unter der Voraussetzung, dass „über die Verteilung von Wohnungen ... in jedem Falle der Herr Regierungspräsident in Potsdam“ zu entscheiden habe.

Die Wohnanlage Am Schragen entsteht

Auf dem erworbenen Grund und Boden entstand bis 1926 die Wohnanlage Am Schragen mit 69 Wohneinheiten zumeist in Reihenhäusern und in architektonisch überraschender Ausführung. Das realisierte Projekt widerspiegelt die Reformdiskussionen über den Wohnungsbau nach dem Ersten Weltkrieg. Die Hinwendung zum farbigen Bauen sowie die weiträumigere und gartenumhegte Siedlungsweise galt als architektonisches Gegenstück zu der in deutschen Großstädten anzutreffenden Tristesse der grauen Mietskasernen bzw. zu dem vornehmen Grau oder preußischen Ocker der bürgerlichen Häuser.

Am Schragen 1935

 Architektonisch verbanden sich die neuen Gedanken des Siedlungsbaus mit Altpotsdamer Motiven, die typische Potsdamer Achsenbetonung und die Gestaltung der Frontgiebel mit dem wechselnden Anstrich der Häuser. Vorbilder hatte die Wohnanlage Am Schragen unter anderem in der Gartenstadt Falkenberg, der so genannten „Tuschkastensiedlung“. Ebenso fügt sich die Wohnanlage in die topographischen Besonderheiten am Rande des ansteigenden Bornstedter Feldes ein. Die gemauerten Torbögen leiten zur benachbarten Russischen Kolonie Alexandrowka über und die Gebäudearchitektur an der östlichen Seite in Richtung Jägerallee zur zweiten barocken Stadterweiterung. Die errichteten Wohnungen entsprachen den damaligen gehobenen Ansprüchen und waren mit Bädern, Hauslauben oder Balkonen, reichlichem Nebengelass und Gärten ausgestattet.

 

Frabiges Bauen

Die Vermietung der fertig gestellten Wohnungen erfolgte nach den Auflagen, wie sie im Kaufvertrag für das Grundstück vom Preußischen Staatsministerium festgeschrieben waren. Von den 1925 vergebenen 23 Wohnungen gingen 15 an preußische Beamte, sechs an Reichsbeamte und zwei an Heeresangehörige. Eine vom Vorstand des Siedlungsvereins vorgesehene Durchmischung der sozialen Struktur der Bewohner konnte laut Geschäftsbericht zumindest für das Jahr 1925 nicht durchgesetzt werden, da der Magistrat von Potsdam die erforderliche finanzielle Unterstützung für die Bereitstellung von Wohnungen „für unsere Mitglieder aus freien Berufen“ nicht gab.

Die Ruinenbergstraße entsteht

Die wirtschaftliche Konsolidierung in der zweiten Hälfte der 20er Jahre machte sich auch im Potsdamer Wohnungsbau bemerkbar. Dabei lag der Schwerpunkt der Bautätigkeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Errichtung von Wohnsiedlungen in den Vorstädten. Bis 1933 entstanden in Potsdam insgesamt 20 derartiger Wohnanlagen, die bis heute durch den in sich geschlossenen Charakter und die ansprechende Architektur ihren besonderen Wohnwert bewahrt haben. Allein zwischen 1926 und 1928 wurden in der Stadt insgesamt 953 Wohnungen gebaut. Gleichzeitig war aber in diesem Zeitraum ein jährlicher Zuzug von ca. 1.000 Personen zu verzeichnen. Es zogen viele Beamte nach Potsdam, die zwar in Berlin beschäftigt waren, Potsdam aber wegen seiner landschaftlichen Lage und seines größeren Identifikationspotentials für die konservativen Teile der Gesellschaft als Wohnort bevorzugten. 

Ruinenbergstraße 30er Jahre

Für den damaligen Gemeinnützigen Beamten-Siedlungsverein „Vaterland“ fand die Bautätigkeit mit der Errichtung der Wohngebäude in der Ruinenbergstraße ihre Fortsetzung. Auf Grund eines Erlasses des preußischen Finanzministers vom 27.12.1926 wurde der „Vaterland“ eine Fläche „von 33542 qm am Ruinenberg zu Siedlungszwecken in Erbpacht gegeben. Auf diesem Gelände entstanden von 1928-1931 in einem geschlossenen Ensemble 145 Wohnungen in Reihen- und Mehrfamilienhäusern. Den Siedlungscharakter setzte Georg Fritsch als Architekt und Vorsitzender der Genossenschaft ebenso wie Am Schragen mit der Zuordnung von Hausgärten zu den Wohnungen um. Die gesamte architektonische Gestaltung beinhaltete einen gemeinschaftsbildenden Aspekt, der ebenso den genossenschaftlichen Vorstellungen der Zeit entsprach. In beiden Wohnanlagen der Genossenschaft verbanden sich Wohnen und Wohnumgebung durch Einbeziehung der Natur in einem gestalteten Innen- und Außenraum.

Im Vergleich zur Wohnanlage Am Schragen wurde in der Ruinenbergstraße die Architektur sachlicher und mit einem höheren Verdichtungsgrad ausgeführt. Funktionalität und zeitgemäße Wohnbedürfnisse bestimmten dabei mehr und mehr die Baustruktur. Grund und Boden für dieses Projekt hatte die Verwaltung der Preußischen Schlösser und Gärten in Erbpacht an die Genossenschaft vergeben. Die Geschäftsstelle der Genossenschaft wurde damals in der Ruinenbergstraße 2 eingerichtet.

Genossenschaftlicher Wohnraum für Beamte und Offiziere

Eingezogen sind in die Wohnungen Vertreter aus verschiedenen Ämtern und Behörden sowie Reichswehrangehörige. In unmittelbarer Nähe beider Wohnanlagen befand sich unter anderem die vor dem Ersten Weltkrieg gebaute Ruinenberg-Kaserne zwischen Schlegelstraße, Ruinenbergstraße und Voltaireweg. Dort waren in den zwanziger Jahren Teile des 4. (Preuß.) Reiter-Regiments und vor dem Zweiten Weltkrieg Teile des Artillerie-Regiments 23 untergebracht. Östlich davon, Richtung Jägerallee, befand sich von 1894 bis 1945 das gemeinsame Garnisonslazarett für sämtliche Truppenteile. Sozialstruktur und politische Einstellung waren so von konservativen Grundhaltungen geprägt; ungeachtet dessen entwickelte sich im Siedlungsverein ein genossenschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl und Gemeinschaftsleben.

Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre unternahm die Genossenschaft weitere Anstrengungen zur Vergrößerung ihres Grundstücksbesitzes. Seit 1927 sind Bemühungen zum Erwerb der Einsiedelei nachweisbar, um „hierauf eine Anzahl grösserer Wohnungen zu errichten“. Das Grundstück Einsiedelei mit dem 1856 fertig gestellten „Chaussee Aufseher Etablissement“ gelangte schließlich 1931 in den Besitz der „Vaterland“. Das zehnjährige Jubiläum des Siedlungsvereins wurde am Abend des 15. Dezember 1932 im Palast-Hotel Potsdam „in einfachster, zwangloser Form und im engsten Kreise“ gefeiert.

Unter dem Nationalsozialismus

Briefkopf 1934Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus war das Wohnungswesen, wie alle gesellschaftlichen Bereiche, permanenten Eingriffen ausgesetzt, die jede demokratische, lebenskulturelle und architektonische Vielfalt zerschlagen sollte. Im Zuge der „Gleichschaltung“ gab es anhaltende Bestrebungen zur Zwangsverschmelzung auch der Potsdamer Wohnungsunternehmen. Die Forderungen des Verbandes ostdeutscher Wohnungsunternehmen zielten seit 1937 mit Unterstützung des Reichskommissars für den sozialen Wohnungsbau darauf ab, eine Verschmelzung des Siedlungsvereins „Vaterland“ mit dem Beamten-Wohnungs-Verein zu Potsdam, dem größten Wohnungsunternehmen der Stadt, vorzubereiten. Der Vorstand der „Vaterland“ wies in mehreren Schreiben die Verschmelzungsbestrebungen entschieden zurück, denn die angestrebten Ziele, „eine örtliche Übersetzung zu vermeiden und die Leistungsfähigkeit der zu verschmelzenden Wohnungsunternehmen zu erhöhen,“ seien damit nicht zu erreichen. Es gehörte schon viel Mut dazu, sich unter den allgegenwärtigen nationalsozialistischen Repressionen derart konsequent gegen „staatliche“ Verordnungen zu wenden. Die Argumentation der Genossenschaft stützt sich auch auf die prekäre Wohnungssituation in Potsdam in diesen Jahren. In einem Schreiben vom 27. Juni 1941 bezifferte der unbekannte Autor den Fehlbestand an Wohnungen im Raum Potsdam auf 12.000. Im Jahre 1943 hatte der übergeordnete Verband die Verschmelzung der „Vaterland“ zurückgestellt, die dann mit dem nahenden Zusammenbruch des nationalsozialistischen Systems nicht mehr relevant wurde.

Die Wohnanlagen inmitten militärischer Kasernenkomplexe

Hausgärten in den 1930er Jahre

In Potsdam konzentrierte sich die Bautätigkeit in der Zeit des Nationalsozialismus auf den Bau von Kasernen und militärischen Anlagen. In die am nördlichen Stadtrand zu einem nahezu geschlossenen Gebiet verdichteten Kasernengelände waren nunmehr die beiden Wohnanlagen der Genossenschaft fast vollständig einbezogen. An der Pappelallee entstand ein neuer großer Kasernenkomplex („Adolf-Hitler-Kaserne“), in dem Teile des bekannten Infanterieregiments Nr. 9 untergebracht waren, das bei der Organisierung des militärischen Widerstandes gegen Hitler eine besondere Rolle spielte. Nach nur 18 Monaten Bauzeit begann im Januar 1936 in der Kriegsschule auf dem Bornstedter Feld an der Ecke Pappelallee / Kirschallee die Ausbildung von Offiziersanwärtern. Für die Milderung des Wohnungsnotstandes in Potsdam wurden kaum Mittel eingesetzt. So blieben auch die überlieferten Entwürfe der Genossenschaft aus dem Jahre 1939 zur Bebauung des Grundstücks Einsiedelei mit einem „Acht-Familienhaus“ in den Schubladen. 

Die erhalten gebliebenen Geschäftsberichte aus dieser Zeit belegen, dass sich die soziale Struktur der Mitglieder und Wohnungsnutzer in diesen Jahren nur wenig geändert hatte. Die 214 Wohnungen wurden im Jahre 1940 von 99 Reichsbediensteten, 65 Landesbediensteten, 12 Bediensteten der Stadt Potsdam, 15 Angehörigen freier Berufe, 20 Witwen und 2 Hauswarten bewohnt. Eine Wohnung diente der Genossenschaft als Geschäftsstelle. In dieser Zeit wurde aus dem Vereinsnamen die Bezeichnung „Beamten“ gestrichen.

Vom Schicksal massenhafter Zerstörung von Gebäuden und Straßen in Folge des britischen Luftangriffs vom 14. April 1945 blieb die Genossenschaft nicht verschont, obwohl der Bombenhagel vor allem auf dem Gelände des Stadtbahnhofs sowie im Umkreis von 500 m um den Bahnhof in der Innenstadt niederging. Potsdam war im Laufe des Krieges einseitig zur Lazarettstadt erklärt worden. Die militärischen und städtischen Behörden hofften aber zu Unrecht, dass die militärisch bedeutungslose Stadt von den alliierten Luftangriffen verschont blieb. Deshalb waren auch Luftschutzmaßnahmen in Potsdam nur unzureichend durchgeführt worden. Zur Schreckensbilanz des Luftangriffs gehörten in Potsdam 1.500 Tote sowie 856 vollständig zerstörte und 248 teilweise zerstörte Wohnungen. Durch Bombentreffer vernichtet wurden aus dem Bestand der „Vaterland“ die Gebäude in der Ruinenbergstraße 6, 8 und 10, schweren Schaden nahmen die Ruinenbergstraße 2, 4, 16 und 18. In der zur Festung erklärten Stadt gab es in den Folgetagen weitere Menschenverluste und Gebäudeschäden. Durch Feuer vollständig zerstört wurde die Ruinenbergstraße 3, die Häuser Ruinenbergstraße 2, 9, 14, 33, 37, 39, 41, 43 sowie Am Schragen 1, 43, und 57 erlitten schwere Schäden durch Granattreffer. Die Kampfhandlungen endeten am 27./28. April 1945.

Ein schwerer Neubeginn 

Kampftruppen der Roten Armee besetzten ab 27. April 1945 zunächst für drei Wochen sämtliche Häuser der Genossenschaft. Der größte Teil der Mitglieder blieb ungeachtet dessen in ihren Wohnungen. Die Häuser Am Schragen 13-19 waren ab 1. Mai vollständig beschlagnahmt, die Wohnungsnutzer konnten notdürftig in den benachbarten Häusern untergebracht werden. Im Laufe der Monate Juli und August 1945 wurde fast der gesamte Hausbesitz durch die sowjetische Besatzungsmacht beschlagnahmt. Dadurch ging der Genossenschaft ein Großteil der Einnahmen für das Geschäftsjahr 1945 verloren. 

Ruinenbergstraße 4

Dessen ungeachtet widmeten sich die Organe der „Vaterland“ der Neuordnung des genossenschaftlichen Lebens mit großem Enthusiasmus. Es galt, die beschädigten Häuser des Bestandes zu sichern und die Versorgungsleitungen in Gang zu setzen, die Strukturen neu zu ordnen sowie die Vermögenssituation zu stabilisieren. Noch mehrere Wochen nach Beendigung des Krieges war weder Wasser noch Gas und Elektrizität in der Stadt vorhanden. So gab es beim Wiederaufbau viel zu tun und zahlreiche Genossenschaftsmitglieder taten sich bei der Beseitigung der Kriegsschäden hervor. Unterstützung kam für die Genossenschaft von verschiedenen Handwerksfirmen, wie z.B. von der Bauklempnerei Ernst Nichelmann, die geholfen hatte, „die im Augenblick schlimmsten Mängel an Kanalisations- und Klempnerarbeiten in unseren Vereinshäusern zu beheben“. 

Unmittelbar nachdem auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten die neue Stadtverwaltung ihre Arbeit aufgenommen hatte, wurde auch der Wohnungsbestand Potsdams ermittelt. Auf Anfrage des Magistrats der Stadt Potsdam teilte die Genossenschaft am 17.09.1945 Namen und Anschrift mit: „Gemeinnütziger Siedlungsverein "Vaterland" e.G.m.b.H., Potsdam, Ruinenbergstraße 2“. Als Vorstandsmitglieder fungierten in diesem schwierigen Zeitabschnitt des Wiederaufbaus Albert Drawe, Hans Günter Lehmann und Wilhelm Kühne. Die Zahl der Wohnungen wurde unverändert mit 214 angegeben.

Einquartierung sowjetischer Offiziere

Zunächst ahnten die Bewohner Am Schragen und in der Ruinenbergstraße nicht, dass die sowjetischen Truppen das genossenschaftliche Leben auf Jahrzehnte beeinflussen würde. Alle umliegenden Kasernen wurden von den Sowjets genutzt und in der Pappelallee unmittelbar nach Kriegsende ein Gefangenenlazarett eingerichtet.

Seit 27. April 1945 wurden in unterschiedlichem Maße sowjetische Besatzungstruppen in den Wohnanlagen der „Vaterland“ einquartiert. Die einwohnenden Genossenschaftsmitglieder mussten in der ersten Zeit nur einzelne Zimmer zur Verfügung stellen und gingen außerdem davon aus, dass eine Überlassung von Wohnraum nur vorübergehend sein würde. Es erschien dem Vorstand der Genossenschaft deshalb durchaus legitim, von den einquartierten Besatzungstruppen Miete einzufordern. Stützen konnte sich die Genossenschaft auf die Befehle der SMAD vom 25.06.1946 - Nr. 2838/2 - und vom 09.08.1946 - Nr. 245 -, wonach „Angehörige der sowjetischen Besatzungsmacht verpflichtet (waren), für die von ihnen genutzten Räume und Wohnungen rückwirkend vom 01.01.1946 die regelrechte Miete zu zahlen.“ In einem Schreiben vom 8.Januar 1947 wandte sich die GWG an die Mitglieder mit der Bitte, die Miete von den Besatzungsmitgliedern einzuziehen. Im Interesse einer ordnungsgemäßen Bewirtschaftung der Wohnungen und Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen sah der Vorstand das Fortbestehen der Genossenschaft bedroht, wenn die ausstehenden Mieten nicht oder nicht vollständig gezahlt werden. 

Am Schragen
 

Tatsächlich blieben wohl direkte Mietzahlungen der sowjetischen Besatzer aus. Über Umwege erhielt die Genossenschaft von ca. 1950 ab von der Stadt Potsdam quartalsweise 1/3 der (ohnehin niedrigen) Mieten gezahlt. Während die beschlagnahmten Wohnungen in der Ruinenbergstraße bis 1952 wieder frei gezogen wurden, musste der Schragen vollständig von den Wohnungsnutzern geräumt werden, ohne dass eine entsprechende offizielle Regelung jemals den Vorstand der Genossenschaft erreicht hat. Erst mit der Vereinigung Deutschlands und dem Abzug der sowjetischen Truppen 1991 konnte die Genossenschaft die Wohnungen wieder in Besitz nehmen. Zwangsläufig zum normalen Alltag wurde für die Genossenschaftsmitglieder der Umgang mit den Besatzungstruppen, denn die sowjetischen Kasernen an der Pappelallee und am Ruinenberg sowie die von den sowjetischen Soldaten und ihren Familien genutzten Wohngebäude umschlossen die Wohnanlagen der Genossenschaft fast vollständig. Persönliche Kontakte sind in all´ den Jahren aber eher die Ausnahme geblieben.


25 Jahre GWG bei Grütze und Sauerkohl

Die Vorbereitungen aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der Genossenschaft im Jahre 1947 sind beredtes Zeugnis von den entbehrungsreichen Lebensverhältnissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Vorgesehen war die Durchführung einer Festveranstaltung mit der Absicht, „Mitglieder und Gäste mit einem sehr bescheidenen zeitgemäßen Mahl zu bewirten.“ Da jedoch ohne Bezugscheine keine zusätzlichen Lebensmittel zu bekommen waren, wandte sich der Vorstand an die Stadt: „Wir rechnen mit einer Teilnahme von ca. 200 Personen. Dementsprechend benötigen wir etwa 3 ztr. Kartoffeln, eine entsprechende Menge Grütze zur Herstellung von Topfwurst, etwas Fett und Sauerkohl. Vielleicht ließe sich auch die Zuteilung von Alkohol und Tabak ermöglichen.“ Das gesellige Beisammensein fand in der Gaststätte „Klub- und Konferenzhaus“ (früher Mühlenberggrotte) in der Weinmeisterstraße statt. Zum Gelingen der Veranstaltung trugen schließlich 4 ztr. Kartoffeln, die die Stadtverwaltung Potsdam zur Verfügung stellte, und 30 Flaschen Spirituosen bei. „Auch die Jugend kam voll zu ihrem Recht, denn ein gut geführtes Tanzorchester sorgte für Schwung und Entspannung“, so hieß es in der Pressemitteilung der Genossenschaft. Der Aufsichtsratsvorsitzende Herr Bergau hob in seiner Festrede die Grundgedanken genossenschaftlichen Zusammenlebens - Selbsthilfe, Selbstbestimmung, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung - hervor, ohne die der Siedlungsverein nicht hätte diesen Jahrestag feiern können. „Die Schwierigkeiten, die damals ... das junge Beginnen fast zu ersticken drohten, schmiedete nur den Kreis derjenigen enger und fester, deren einziges Ziel es war, dem bedrückenden Mangel an gesunden und preiswürdigen Wohnungen abzuhelfen. (...) Eine Gemeinschaft vermag vieles, was der Einzelne mit schwachen Kräften nicht vermag.“

Im Zusammenhang mit der Währungsreform 1948 in der sowjetischen Besatzungszone wurden die Konten aller Unternehmen neu bewertet und die Geschäftsanteile für alle bei der Genossenschaft wohnenden Mitglieder im Verhältnis 1:1 umgetauscht sowie dem Unternehmen die Zinsen erlassen.

Einen herben Verlust erlitt die Genossenschaft mit dem Tode von Dr.-Ing. Georg Karl Agathon Fritsch am 23.Juli 1955. Als Wegbereiter und Begründer der Genossenschaft sowie als Erbauer der Wohnanlagen Am Schragen und in der Ruinenbergstraße hatte Fritsch die Geschicke der Genossenschaft entscheidend geprägt. Als Regierungsbaurat seit den zwanziger Jahren und als Stadtbaurat nach 1945 gelang ihm die Synthese zwischen seinen beruflichen Ämtern und den Interessen der Genossenschaft und seinen Mitgliedern. Ohne Georg Fritsch hätte die Genossenschaft wohl kaum das notwendige Bauland in den zwanziger Jahren erhalten und mit Hilfe von städtischen Subventionen die Bauvorhaben verwirklichen können. Nach 1945 war Fritsch an der Erarbeitung des Stadtkompositionsplanes zum Wiederaufbau Potsdams beteiligt, wo er sein umfassendes Wissen als Städteplaner und seine Erfahrungen im Umgang mit Behörden einbrachte. Als Chefarchitekt beim Rat des Bezirkes verwirklichte er seine Ideen in der Verbindung von Altem und Neuem konsequent bis an sein Lebensende.


Im Schatten der KWV´en und AWG´en

Die Wohnungspolitik in der DDR war vorrangig auf die Bestände der kommunalen Wohnungsverwaltungen und auf die in den fünfziger Jahren entstandenen Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften orientiert. Die vor 1945 gebildeten Genossenschaften konnten nur zum Teil ihre Tätigkeit fortsetzen; ihnen blieb aber oftmals nur die Bewirtschaftung des alten Bestandes. Eine Neuordnung des Genossenschaftswesens in der DDR geschah im Jahre 1957. Aus den bisherigen Wohnungs-Vereinen und Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht wurden per Gesetz vom 14.März 1957 Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaften (GWG) gebildet. Den GWG ´s war im Gegenzug finanzielle Förderung, eine Steuerbefreiung, der Wegfall des Erbbauzinses sowie Zinsfreiheit für volkseigene Darlehen zugesagt. Die nunmehrige GWG „Vaterland“ wurde in diesem Zusammenhang von 515.000 Mark Altschulden entlastet, dafür konnte die Genossenschaft ab 1957 keine eigenen Schuldgeschäfte mehr durchführen. 

Brentanoweg und Tieckstraße

Allen Bestrebungen zum Trotz konnte die GWG „Vaterland“ ihre traditionelle Selbständigkeit bewahren. Auf Grund der oben genannten Bedingungen gab es jedoch bei der Genossenschaft keine eigenständige Neubautätigkeit mehr und bei der zentralistisch organisierten Vergabe von neuem Wohnraum standen die GWG´s immer hintenan. Trotzdem gelang es der Genossenschaft 1958, dass 1945 von einem Brand zerstörte Gebäude Ruinenbergstraße 3 wieder aufzubauen. In 45 Jahren sozialistischer Wohnungspolitik wurden der Genossenschaft lediglich zwei Neubaublocks zugewiesen. Dabei handelt es sich um die Gebäude im Brentanoweg 2-5 sowie in der Tieckstraße 8-11 mit insgesamt 67 Ein-, Zwei- und Drei-Raum-Wohnungen. Die Wohnblocks wurden 1962 bzw. 1964 in Plattenbauweise errichtet und gehören zu den ersten Typenbauten in Potsdam. Sie verkörpern das „volkswirtschaftlich vertretbare Mindestmaß“ in Größe und Ausstattung. Gleichwohl waren die mit den neuen Wohnungen versorgten Mitglieder überglücklich über ihr neues Heim. 

Neue Zeiten - Neue Aufgaben

Ein neuer Zeitabschnitt in der Geschichte der GWG „Vaterland“ begann mit der politischen Wende 1989 / 1990. Dabei ging es weniger um die Realisierung spektakulärer Bauprojekte, sondern eher um die Bewahrung der Geschäftsfähigkeit und Wiederbelebung genossenschaftlicher Prinzipien. Unklarheiten über die Gültigkeit bestehender Gesetze und Übergangsregelungen nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3.Oktober 1990 ließen die Tätigkeit des Vorstandes der Genossenschaft zu einem Wettrennen gegen die Zeit werden. Kurzfristig wurden deshalb entsprechende Voraussetzungen geschaffen, um eine Anpassung an die gesamtdeutsche Gesetzgebung, insbesondere an das Genossenschaftsgesetz der Bundesrepublik zu erreichen. Die Genossenschaft gab sich eine neue Satzung und ließ sich im Genossenschaftsregister des Amtsgerichts unter der Nummer 47 neu eintragen.

Am Schragen LuftbildDie GWG „Vaterland“ hatte wie alle anderen Wohnungsgesellschaften in der DDR mit den Mieteinnahmen zu wirtschaften, die auf dem Niveau der dreißiger Jahre festgeschrieben waren. Mit durchschnittlich 65,- Mark pro Monat und Wohnung war jedoch eine Instandhaltung der Gebäude oder gar eine Modernisierung nur schwer möglich. Die Zuschüsse vom Staat deckten die eigentlich notwendigen Maßnahmen nur unzureichend. Unter den Bedingungen der Marktwirtschaft hieß es nun, wirtschaftlich unabhängig zu werden und konkurrenzfähig zu bleiben. Zudem sind die Gebäude als langfristige Wirtschaftsgüter mit vielen verschiedenen Kosten belastet, wie Instandhaltungskosten, Abgaben, Gebühren und Steuern, Zinsen, Verwaltungskosten und Rücklagen. Diese Kosten sind nach der Wende rapide gestiegen und konnten nur durch eine Erhöhung der Nutzungsgebühren ausgeglichen werden. In mehreren Stufen stiegen deshalb seit 1991 auch in der GWG „Vaterland“ die Grundmieten auf das heutige Niveau.

Wirtschaftliche Grundlage für jede weitere Geschäftstätigkeit war die Übereignung der Grundstücke an die Genossenschaft. Für die Wohngebäude in der Tieckstraße und dem Brentanoweg herrschte die in der DDR weit verbreitete Praxis des getrennten Grund- und Gebäudeeigentums. Das Wohnungsgenossenschafts-Vermögensgesetz vom 23. Juni 1993 stellte schließlich eine Verbindung des zu Wohnungszwecken genutzten Grund und Bodens mit dem Gebäudeeigentum her. Grundstück und Gebäude der Wohnanlage Am Schragen gehörten auch während der Beschlagnahmung durch die sowjetischen Truppen der Genossenschaft, so dass keine neue Zuordnung notwendig war. Unstimmigkeiten gab es zunächst um die Ruinenbergstraße, die schließlich 1994 der Genossenschaft zugeordnet wurde.

Mit der Zuordnung der Grundstücke waren für die GWG „Vaterland“ die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Sanierung von Tieckstraße und Brentanoweg geschaffen. Die Plattenbauten erhielten neue Dächer mit Wärmedämmung sowie attraktive Fassaden mit Vollwärmeschutz. Fenster und Haustüren wurden erneuert, die Balkone saniert und die Bäder modernisiert. Elektroleitungen sowie Wasser- und Abwasserleitungen mussten ebenso erneuert werden. Froh waren die Genossenschaftsmitglieder darüber, dass mit dem Einbau einer modernen, mit Erdgas betriebenen Heizungsanlage das beschwerliche Ofenheizen der Vergangenheit angehörte.

Rückgabe des Eigentums 

Mach´s gut Potsdam

Am 23. Juli 1991 war es endlich soweit: Nach mehr als 45 Jahren übernahm die GWG „Vaterland“ die Wohngebäude „Am Schragen“ wieder zur eigenen Nutzung. Die von den Sowjets 1946 beschlagnahmten und von Offiziersfamilien als Wohnraum genutzten 18 Gebäude waren bereits einige Monate früher geräumt worden. Schon mit der Wende in der DDR hatte der Vorstand der GWG „Vaterland“ Kontakt zur Unterkunftsabteilung der GUS-Streitkräfte (Ketch) in der Potsdamer Weinmeisterstraße aufgenommen. Der zuständige Offizier hatte Anfang 1991 die schnelle Übergabe der Wohnungen Am Schragen zugesagt und tatsächlich vollzog sich innerhalb kürzester Zeit im Sommer 1991 die Übergabe an den früheren Eigentümer über das Bundesvermögensamt. „Man muß sich stilistisch schon einiges einfallen lassen, wenn man zu beschreiben versucht, wie die Häuser in der Potsdamer Siedlung Am Schragen aussahen, als ihre ex-sowjetischen Bewohner sie nach jahrzehntelanger Nutzung verließen. Zum einen nämlich war die Bausubstanz so abgewohnt, wie es selbst für Osteuropakenner kaum vorstellbar ist. Zum anderen fanden die Sanierer sanitäre Zustände vor, die man schlicht nicht schildern kann, ohne ihren Verursachern gegenüber ungewollt beleidigend zu werden.“ (Elke H. Zobel, bba 10/1994, S. 12) Der Hinweis auf großflächig kaputte Dächer, lose Putzreste undefinierbarer Erdfarbe, marode Türen und Fenster, vollständig gekappte Versorgungsleitungen, dem Einsturz nahe Torbögen kennzeichnet den Zustand der Gebäude nur unzureichend. Die Bewohner wechselten oft, so dass nur wenig Interesse an einer pfleglichen Behandlung der Wohnungen bestand. Reparaturen wurden wohl nur in absoluten Notfällen durchgeführt, die Genossenschaft besaß keinerlei Möglichkeit der Instandsetzung.  

Der Schragen 1991

Für den Vorstand der GWG „Vaterland“ gab es mit der Übernahme des Objekts keinen Zweifel daran, unverzüglich die Sicherung und Sanierung zu übernehmen, um dringend benötigten Wohnraum für die auf der Warteliste der Genossenschaft stehenden Mitglieder zu schaffen. Nach langer Zeit konnte wieder erstmals ein Projekt in Eigeninitiative verwirklicht werden. Im Vorfeld der eigentlichen Bauarbeiten wurden die Gebäude von Unrat befreit und winterfest gemacht. Über 100 Container mit Müll mussten entsorgt werden. Zu berücksichtigen war bei der aufwendigen Bauplanung, dass die Gebäude 1992 gemäß § 9 Abs. 2 des Denkmalschutzgesetzes von Brandenburg unter Denkmalschutz gestellt wurden. Trotz aller Zerstörungen waren aber die Bausubstanz, die Strukturen und der Gesamteindruck der Häuser noch im Originalzustand erhalten. 

Mit einjähriger Verspätung konnte im August 1993 mit der Sanierung begonnen werden, nachdem auch die Finanzierung aller Maßnahmen abgesichert war. Mit der Übernahme der Gebäude war die Möglichkeit verbunden, für die durch die letzten Bewohner verursachten Schäden bei der Oberfinanzdirektion des Bundes in Münster eine Entschädigung zu beantragen. Die Aufrechnung der Genossenschaft ergab einen Betrag von ca. 13 Millionen DM. Die Oberfinanzdirektion wollte diese Entschädigung mit dem Pauschalurteil verhindern, dass die Wohnungen genauso ausgesehen hätten, wenn DDR-Bürger darin gelebt hätten. Der nun sehr augenscheinliche „abgewohnte“ Zustand der Gebäude entschädigte die Behörde schließlich mit 2,7 Millionen DM. Gleichzeitig erhielt die Genossenschaft eine Zinssubvention von der Stadt über 15 Jahre, wofür sie sich zu einer Mietbindung für die Wohnungen verpflichtete.

Für 22,5 Millionen DM wurden in gut einjähriger Bauzeit die Häuser saniert. Entstanden sind 92 Wohneinheiten und 18 Gewerbeeinheiten mit einer Gesamtnutzfläche von 8.900 Quadratmetern. Die Zuschnitte der Wohnungen blieben im Wesentlichen unverändert und die tragenden Wände erhalten. Die großen Einfamilienhäuser wurden geteilt und die Dachgeschosse ausgebaut. Lediglich die vier kleineren Reihenhäuser mit Wohneinheiten zu je 103 bis 108 Quadratmetern Wohnfläche blieben in ihrer ursprünglichen Größe erhalten. Die Sanierung der Gebäude wurde umfassend ausgeführt, auch wenn sich gegenwärtig einige Mängel in der damaligen Bauausführung aufzeigen. Für die Wärme- und Heißwasserversorgung wurde ein zentrales Heizwerk auf Erdgasbasis gebaut. Das Wohngebiet musste ebenso neu an das öffentliche Ver- und Entsorgungsnetz angeschlossen werden. Ins Auge fällt die kontrastreiche Farbgebung der Fassade, die in 15 Farbtönen gestaltet wurde und originalgetreu den Intentionen unseres Genossenschaftsbegründers Georg Fritsch nach mehr „Mut zur Farbenfreude“ entspricht. Die Gesamtwirkung des Ensembles wurde bei der Gestaltung der Außenanlagen miteinbezogen. Dies bedeutete neben der Gartengestaltung die Verwendung ursprünglichen Materials beim Straßen- und Wegebau (Kleinpflaster, Kalksandsteine).

Im April 1994 zogen bereits in den ersten vier sanierten Häusern wieder Genossenschaftsmitglieder ein, bevor im September 1994 die Sanierung abgeschlossen werden konnte. Das Engagement der Genossenschaft für die Sanierung des denkmalgeschützten Wohnensembles fand bundesweit Beachtung. Zahlreiche Veröffentlichungen in der regionalen Presse sowie in Fachzeitschriften schätzten die detailgetreue Wiederherstellung der Siedlung.

Auf gemeinsamen Wegen

Ruinenbergstraße 4-10

Die besonderen Gegebenheiten der Genossenschaft, vor allem der kleine Bestand von 320 Wohnungen und die hohe Kreditbelastung, führten ab 2005 zu Überlegungen über eine Zusammenarbeit mit einer größeren Potsdamer Genossenschaft. Die Leistungsfähigkeit der PWG 1956 eG und das große Angebotsspektrum für die Mitglieder überzeugten die Verantwortlichen der „Vaterland“. Zunächst übernahm die PWG 1956 eG die Verwaltung. Mit Begleitung einer Wirtschaftsberatungsgesellschaft sowie nach ausführlichen Gesprächen und einem Abwägen von Vor- und Nachteilen entschieden sich die Mitglieder der GWG „Vaterland“ e.G. und die Vertreter der PWG 1956 eG im Juni 2006 für eine Verschmelzung. Dem in der Satzung 1922 gesetzten Ziel, „den Mitgliedern in Kleinsiedlungen gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen" zur Verfügung zu stellen, hatte sich die Genossenschaft 84 Jahre in besonderer Weise verpflichtet gefühlt. Ungeachtet der unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen ist es der GWG „Vaterland“ gelungen, die genossenschaftliche Form des Bauens, des Zusammenwohnens und des Zusammenlebens mit Leben zu erfüllen. Mit der Verschmelzung haben sich für alle Mitglieder mittel- und langfristig neue Perspektiven genossenschaftlichen Wohnens in einer größer gewordenen Wirtschaftsgemeinschaft ergeben. Im dritten gemeinsamen Jahr haben wir manche Hürde genommen, um die Mitglieder und den Wohnungsbestand in die große Gemeinschaft einzubeziehen. 


 

Für den Anspruch auf modernen Wohnraum in schöner Lage sind die Entwicklungschancen im nördlichen Stadtgebiet Potsdams, zu dem die Wohnsiedlung „Vaterland“ gehört, günstiger denn je. Waren in der Vergangenheit die Wohngegenden von ständiger militärischer Präsenz gekennzeichnet, ergeben sich nun neue Perspektiven der zivilen Nutzung. Im Bereich des Entwicklungsgebietes Bornstedter Feld sowie im Nahbereich Schlegelstraße werden neue städtebauliche und architektonische Entwicklungen umgesetzt sowie gewandelte Bevölkerungsstrukturen, Veränderungen im Nachfrageverhalten und im Wertesystem der Menschen berücksichtigt. Es entstehen dort neue Wohnanlagen mit unterschiedlichen Nutzungsformen und mit verschiedenen Dienstleistungsangeboten. In diesem Spannungsfeld zwischen Marktentwicklungen einerseits und dem traditionellen sozialen Auftrag hat auch unsere Genossenschaft Neubauprojekte in der Siedlung „Vaterland“ umgesetzt.

Johannes-Lepsius-Straße 4-10Nach einigen erfolglosen Bestrebungen der GWG „Vaterland“ zu DDR-Zeiten wurde 2012 das Gebäude Ruinenbergstraße 4-10 wieder vollständig errichtet bzw. saniert. Das Gebäude war beim Luftangriff auf Potsdam am 14. April 1945 schwer beschädigt worden, so dass die Gebäudeteile 6, 8, 10 abgerissen werden mussten. Entstanden sind sieben, zum Teil barrierefreie Wohnungen zwischen ca. 90 und 160 m² Wohnfläche. Bei dem Bauvorhaben sind unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes Neubau und Sanierung mit sämtlichen Gestaltungen und Materialzusammensetzungen im Außenbereich so miteinander verknüpft, dass eine Einheit in der ursprünglichen Kubatur und Ansicht des Gesamtgebäudes wie vor der Zerstörung 1945 entstanden ist. 2015 wurde angrenzend an den Schragen ein Niedrigenergiehaus in der Johannes-Lepsius-Straße 9-15 fertiggestellt. Die 30 Wohnungen werden dem Bedürfnis vieler Familien nach großzügigen Grundrissen mit modernster Ausstattung gerecht.