Die Genossenschaft mit Spareinrichtung

Die PWG 1956 öffnete die Türen zur Einsiedelei am Ruinenberg

Erstmals seit fast 170 Jahren war die Einsiedelei am Fuße des Ruinenbergs für die Öffentlichkeit zugänglich. Die 1956, die das Gebäude in den letzten Jahren aufwändig rekonstruiert hat, ermöglichte Besucherinnen und Besuchern am „Tag des offenen Denkmals“ Einblicke in das architektonische Kleinod.

Zahlreiche Gäste kamen mit großer Neugier und gingen nach einer Führung durch das Gebäude mit positiven Eindrücken. Ulrike Wiechmann von der 1956, der von der Genossenschaft beauftragte Architekt Gero Hoppe und die beteiligten Restauratoren geleiteten die Gäste durch das Haus und erläuterten die Geschichte und die Mythen, die sich um das Gebäude ranken.

Die Einsiedelei geht in ihrer heutigen Gestalt auf Friedrich Wilhelm IV. zurück: Der veranlasste im Jahr 1856 den Umbau eines an dieser Stelle bereits existierenden Chausseehauses. Vorbild dafür war ein Casa Cenci genanntes Gebäude, das zur Villa Borghese in Rom gehörte. Das Gebäude im italienischen Landhausstil war von Schloss Sanssouci aus zu sehen. Es darf daher angenommen werden, dass die Einsiedelei Teil der Landschaftsinszenierungen des Monarchen war: Mitten im Grünen erfreute eine südländische Fassade das Auge des Betrachters.

Bei der Vorstellung muss man berücksichtigen, dass es die heutige Bebauung, etwa die hinter der Einsiedelei liegenden Kasernengebäude, seinerzeit nicht gab. Der König hatte also freien Blick in die Landschaft, der lediglich von der italienisch anmutenden Fassade der Einsiedelei abgelenkt, beziehungswiese und vielmehr von ihr bereichert wurde. Das Gebäude erhielt im Obergeschoss eine Teestube, die der König über eine Außentreppe erreichen konnte. Deren dekorative Ausgestaltung erscheint sehr aufwändig. Sie erinnert an Deckenmalereien, wie sie etwa in der gleichen Zeit im Marmorpalais entstanden und heute noch immer zu finden sind. Die Verbindung zwischen den beiden Orten war wohl der leitende Baumeister: Ludwig Ferdinand Hesse leitete in jenen Jahren gleichermaßen den Umbau der Einsiedelei wie den des Marmorpalais am Heiligen See.

Gedichte, Ränke oder Hymnen

Über die Herkunft des Namens „Einsiedelei“ lässt sich spekulieren. Tatsache ist, dass aus den uns zugänglichen Dokumenten nicht hervorgeht, dass eine Einsiedelei errichtet oder eingerichtet werden sollte. Zumindest nicht in der Gestalt und mit jener Funktion, wie wir sie aus anderen Parks und Gärten kennen. Gleichwohl ist die Einsiedelei am Ruinenberg mit einem Turm versehen, den man nur über eine Leiter erreicht. Den Zugang ließ sich mit einer Bodenklappe von innen verriegeln. So konnte der Besucher des kleinen Turmzimmers selbst bestimmen, ob weitere Personen die Kammer P betreten. Gut und gern konnte man sich hier als Einzelner einschließen. Mit Blick auf Sanssouci und das gerade entstehende Belvedere auf dem Pfingstberg hätte der Monarch Pläne und Ränke schmieden können, elegische Gedichte rezitieren oder gar schreiben, rühmende Hymnen schmettern können. Ob er wirklich da oben gesessen und was er da oben gemacht hat, ist nicht schriftlich überliefert. Hier können wir unserer Fantasie freien Lauf lassen.

Genossenschaft als neue Eigentümerin

Nach dem Ende der Monarchie ging das Grundstück der Einsiedelei 1926 an den preußischen Staat, der es ein Jahr später an den Gemeinnützigen Beamten-Siedlungsverein „Vaterland“ weitergab. Nach Plänen der Genossenschaft sollte das Gebäude 1939 abgerissen werden, um Platz für Wohngebäude zu gewinnen. Dazu kam es schon deshalb nicht, weil ab dem Jahre 1938 ein allgemeines Bauverbot herrschte, wonach nur noch kriegswichtige Vorhaben realisiert werden konnten.

Die Einsiedelei überlebte den Krieg im Schoße der „Vaterland“, die im Jahre 2006 mit der Potsdamer Wohnungsbaugenossenschaft 1956 eG fusionierte. Ab 2017 erfolgte die Sanierung des nach 1990 unter Denkmalschutz gestellten Gebäudes. Der Tag der offenen Tür kurz vor Abschluss der Rekonstruktion soll keine einmalige Episode sein. Vielmehr soll die erstmalige Öffnung des Gebäudes nach fast 170 Jahren der Auftakt für die genossenschaftliche Nutzung der Einsiedelei werden.

Wer war Ludwig Ferdinand Hesse?

Hesse wurde 1795 in Pommern geboren, studierte in Berlin, reiste durch Europa und war zeitweise ein Mitarbeiter von Karl Friedrich Schinkel. Er ist angesichts der vielen wichtigen Bauten, die er in Potsdam schuf, geradezu unbekannt. Der Baumeister, Architekt und Maler war hauptsächlich in Potsdam und in Berlin tätig. 1844 holte Friedrich Wilhelm IV Hesse nach Potsdam. Seine Hauptaufgabe war die Verschönerung der Residenzstadt und des Parks von Sanssouci. Aber auch für private Bauherren wurde Hesse tätig. 1847 wurde er Hofbaurat und 1959 Oberhofbaurat. In dieser Zeit arbeitete er eng mit Ludwig Persius und Friedrich August Stüler zusammen. Er wirkte bis 1862 vor allem in Potsdam und errichtete unter anderem das das Belvedere am Pfingstberg und die Friedenskirche.1876 verstarb Hesse. In der Nauener Vorstadt ist eine Straße nach ihm benannt.

 

Fotografen: Lutz Langer, Carsten Hagenau