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Stadtentwicklung mit Haltung

Einweihung, Feierlichkeit, Alter Markt, versammelte Gäste
Einweihung © Landeshauptstadt Potsdam Konrad Beyer

 „Die Mitte wird weiblich“, titeln im November 2019 die PNN . Dem Entschluss der Stadtverordnetenversammlung war eine emotionale Debatte vorausgegangen. Am Ende stimmten 31 der Stadtverordneten für eine Benennung von historischen Straßen in der Potsdamer Mitte nach diesen drei Frauen: Anna Flügge, Erika Wolf und Anna Zielenziger. Die Umbenennung ist für uns ein starkes Signal. Stadtentwicklung ist weit mehr als eine planerische Aufgabe, es geht dabei auch um historische Gehalte und um gesellschaftliche Verantwortung.

Als Wohnungsgenossenschaft haben wir die Entwicklung der neuen Mitte Potsdams maßgeblich mitgestaltet – städtebaulich und auch gesellschaftlich. Alle Gebäude an der heutigen Anna-Zielenziger-Straße befinden sich im Eigentum der PWG 1956. Wir tragen dabei nicht nur Verantwortung für hochwertigen Wohn- und Stadtraum, sondern auch für die Bewahrung und Vermittlung historischer Identität. Sichtbar wird dies bereits in der Umbenennung der Straße, die nun den Namen eines Opfers der nationalsozialistischen Verfolgung trägt.

 

Städtebauliche Wunden und persönliche Schicksale

Die Gebäude an der heutigen Anna-Zielenziger-Straße (ehemals Schlossstraße) wurden bei dem britischen Luftangriff in der „Nacht von Potsdam“ am 14. April 1945 zerstört. Auch das berühmte Eckhaus, der „Plöger’sche Gasthof“ – 1754 errichtet, inspiriert vom Palazzo Valmarana im italienischen Vicenza – fiel den Flammen zu Opfer. Die Ruine blieb zunächst erhalten. Sie wurde Ender der 1950er Jahre schrittweise abgetragen.

Heute informiert eine Gedenktafel über die wechselvolle Geschichte des Ortes. Erinnert wird nicht nur an die zerstörten Gebäude, sondern auch an das persönliche Schicksal der Potsdamerin Anna Zielenziger, die Namensgeberin der Straße. Ende Mai 2026 wurde die Gedenktafel offiziell eingeweiht. Anwesend waren auch zwei Urenkel Anna Zielenzigers, die aus den USA und Israel angereist waren, um an der Veranstaltung teilzunehmen. Von der Ehrung ihrer Urgroßmutter waren beide sehr bewegt (die PNN berichteten über die Eröffnung).

Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel sprach ein Grußwort zur Einweihung der Infotafel. Begleitet wurde dieser besondere Moment auch von Roman Poosch, Mitglied unseres Vorstands, der in seinem Grußwort die enge Verbindung zwischen Stadtgeschichte und genossenschaftlichem Engagement unterstrich. Rund 80 Jahre nach der Zerstörung der Gebäude sei mit der Rekonstruktion eine „städtebauliche Wunde“ geschlossen worden. Gebäude und Städte lassen sich reparieren, so Poosch, „was jedoch nicht wiederhergestellt werden kann, sind die Leben der Menschen, die durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verfolgt und ermordet“ worden sind. „An sie muss erinnert werden.“

Poosch betonte in seiner Rede, dass es dabei nicht um eine rückwärtsgewandte Geste handle, sondern dass die Erinnerung an die Historie „als Mahnung für die Gegenwart und Zukunft“ zu verstehen sei, „damit sich solches Unheil niemals wieder auf deutschem Boden ereignet.“ Als Wohnungsgenossenschaft trage die PWG 1956 eine besondere Verantwortung. Deshalb sei es enorm wichtig gewesen, diesem Ort „eine klare Haltung mitzugeben“, so Poosch. Eine zukunftsweisende Stadtentwicklung, die lebendige Quartiere als Teil einer demokratischen Gesellschaft begreift, muss – das stellte Poosch am Ende seiner Einführungsrede noch einmal klar heraus – eine „Stadtentwicklung mit Haltung“ sein.

 

Wer war Anna Zielenziger? 

In einem Vortrag nahm die Historikerin und stellvertretende Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien Dr. Irene Diekmann eine historische Einordnung vor. Sie zeigte Anna Zielenziger als eine prägende Persönlichkeit des jüdischen Lebens in Potsdam. Anna Zielenziger stammte aus Schlesien, wo sie 1867 geboren wurde. Sie wuchs in einem gut situierten Haushalt auf und heiratete den erfolgreichen Unternehmer Julius Zielenziger. Julius war ein angesehener Potsdamer: Stadtrat, später Ehrenmitglied der Potsdamer Kaufmannschaft und Schatzmeister der Handelskammer. Anna war standesgemäß Hausfrau und Mutter, darüber hinaus ehrenamtlich überaus aktiv. So war sie unter anderem Vorsitzende des israelitischen Frauenvereins. Im Mädchenheim Potsdam kümmerte sie sich um Ausbildungsmöglichkeiten und Stipendien für Mädchen und junge Frauen, die aus jüdischen Familien stammten. Die Ausbildungsabschlüsse sollten den Absolventinnen ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 1939 floh Zielenziger vor den Nazis nach Amsterdam. Dort wurde sie im Mai 1943 verhaftet und ins Durchgangslager Westerbrok deportiert, wo sie, bereits an Lungenkrebs erkrankt, wenige Monate später starb.

 

Bewahrung und Vermittlung historischer Identität: Die neue Anna-Zielenziger-Straße 

Die Gebäude an der heutigen Anna-Zielenziger-Straße stehen für die Bewahrung und Vermittlung historischer Identität, die uns als Genossenschaft wichtig ist. Ein herausragendes Beispiel ist das Klingnersche Haus am Alten Markt. Das ursprünglich um 1750 errichtete Gebäude geht vermutlich auf einen Entwurf von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff zurück, ausgeführt durch Johann Boumann. Die markante Fassade im englisch-palladianischen Stil prägt bis heute das Stadtbild.

Die drei Skulpturen auf dem Giebel, im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurden im Auftrag der PWG 1956 anhand historischer Vorlagen rekonstruiert. Die Genossenschaft verlieh ihnen neue symbolische Namen: Die Hoffende, die Wissende und die Liebende. Ein bewusst gesetztes Zeichen für Werte, die auch in der heutigen Stadtgesellschaft Bedeutung besitzen.

Das Gebäude Am Alten Markt 1–3 wurde zudem als zweitschönstes Gebäude des Jahres 2023 ausgezeichnet. Diese Ehrung durch den Verein Stadtbild Deutschland e. V. würdigt das Engagement der PWG 1956 für Baukultur und qualitätsvolle Stadtentwicklung.

Ebenso eindrucksvoll ist die Wiedererrichtung des Plögerschen Gasthofs.  Die PWG 1956 ließ zentrale Elemente wie Attika-Skulpturen und den Bacchus-Schlussstein restaurieren und integrierte sie in den Neubau. Der heutige Bau verbindet historische Anlehnung mit moderner Nutzung:

  • großzügige Gastronomieflächen
  • öffentliche Veranstaltungsräume für Kultur und Bildung
  • Büroflächen
  • familiengerechte Wohnungen
     

Damit schafft die Genossenschaft Räume für Begegnung, Austausch und gesellschaftliches Leben im Sinne einer lebendigen Innenstadt.

 

Engagement der PWG 1956 im Kontext der Erinnerungskultur

Die PWG 1956 verbindet in der Potsdamer Mitte auf besondere Weise Baukultur, historische Verantwortung und gesellschaftliches Engagement.

Die Integration kultureller und öffentlicher Räume sowie die Unterstützung von Veranstaltungen zeigen: Als Genossenschaft verstehen wir Stadtentwicklung als ganzheitliche Aufgabe: architektonisch, sozial und historisch.

Die neue Potsdamer Mitte ist damit mehr als ein architektonisches Projekt. Sie ist ein Ort der Begegnung, der Erinnerung und der Zukunftsgestaltung. Die PWG 1956 leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag, indem sie Räume schafft, Geschichte bewahrt und gesellschaftliche Impulse sichtbar macht.

 

Erstellt: Josephine Braun, 27.05.2026 - bearbeitet: Julius Sonntag, 24.06.2026