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Die gemeinsame Fahrradtour führte zu sechs Stationen des genossenschaftlichen Wohnens in Potsdam.
Mit Fähnchen zum Potsdamer Genossenschaftstag ausgestattet © Julia Braun

Potsdam braucht Genossenschaft

PWG 1956 zeigt beim Genossenschaftstag historische und aktuelle Orte des gemeinschaftlichen Wohnens

Im Mittelpunkt standen auch die Fragen, die Wohnungsgenossenschaften heute beschäftigen: Wie bleibt Wohnen bezahlbar? Wie lassen sich historische Gebäude erhalten? Wie können Bestände nachhaltig modernisiert werden? Und welchen Beitrag leisten Genossenschaften zu stabilen Nachbarschaften und einer lebenswerten Stadt?

Auftakt in der Siedlung am Schillerplatz

Die Fahrradtour begann an der denkmalgeschützten Siedlung am Schillerplatz der WBG Potsdam-West eG. Die in den 1930er-Jahren entstandene Wohnanlage mit ihren charakteristischen gelben Klinkerfassaden umfasst heute 501 Wohnungen. 

Die erste Station zeigte, welche besonderen Anforderungen der Erhalt historischer Wohnquartiere mit sich bringt. Sanierungen und Modernisierungen müssen aufwendig abgestimmt werden. Gleichzeitig belegt die Siedlung, wie hochwertig und nachhaltig genossenschaftliche Wohnanlagen bereits vor fast 100 Jahren geplant wurden.

An der Neustädter Havelbucht stellte anschließend die WG „Karl Marx“ Potsdam eG modernisierte Wohngebäude aus der DDR-Zeit vor. Die Teilnehmenden erfuhren, wie durch kontinuierliche Investitionen zeitgemäße Wohnqualität im Bestand geschaffen werden kann, ohne den ursprünglichen Charakter der Architektur aufzugeben. 

Die Einsiedelei als Ort der Begegnung

Ein besonderer Höhepunkt war die restaurierte Einsiedelei der PWG 1956 am Ruinenberg. Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wurde in den vergangenen Jahren aufwendig instandgesetzt und steht heute wieder für Veranstaltungen zur Verfügung. 

Die Einsiedelei zeigt beispielhaft, dass Denkmalschutz mehr bedeuten kann als die bauliche Bewahrung eines historischen Gebäudes. Durch die Sanierung ist wieder ein nutzbarer Ort entstanden, an dem Menschen zusammenkommen und sich mit der Potsdamer Geschichte beschäftigen können.

Während des Aufenthalts erhielten die Gäste Einblicke in die Besonderheiten der Restaurierung und die heutige Nutzung. Damit wurde sichtbar, wie die PWG 1956 Verantwortung für ein historisches Kleinod übernimmt und zugleich einen neuen Ort der Begegnung schafft.

Genossenschaftliche Gartenstadtidee am Schragen

Die nächste Station der PWG 1956 war die Siedlung „Am Schragen“. Die in den 1920er-Jahren errichtete Gartenstadtsiedlung orientiert sich an reformorientierten Ideen des genossenschaftlichen Wohnungsbaus und an den architektonischen Vorstellungen von Bruno Taut. 

Die Anlage steht beispielhaft für ein Wohnkonzept, bei dem nicht nur das einzelne Gebäude betrachtet wird. Die Gestaltung der Siedlung, die Freiräume und das Verhältnis der Häuser zueinander sollten gute Bedingungen für Wohnen und Nachbarschaft schaffen.

Bis heute ist „Am Schragen“ ein lebendiges Wohnquartier. Die denkmalgeschützte Siedlung verbindet langfristige Wohnperspektiven mit gewachsenen Nachbarschaften und einem generationenübergreifenden Zusammenleben. Damit berührt sie Fragen, die auch fast ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung aktuell geblieben sind.

Historische Wohnquartiere in der Nauener Vorstadt

In der Nauener Vorstadt präsentierte die WBG 1903 Potsdam eG ihre historischen Wohnanlagen. Bereits kurz nach der Gründung der Genossenschaft im Jahr 1903 entstanden dort die ersten Wohnhäuser. 

Licht, Luft, Sonne und Gemeinschaft gehörten schon damals zu den zentralen Vorstellungen eines modernen Wohnens. Während der Tour wurde deutlich, wie viele dieser frühen Ideen bis heute im genossenschaftlichen Selbstverständnis weiterleben.

Die PWG 1956 in der Potsdamer Mitte

Der letzte Abschnitt der Fahrradtour führte zum Alten Markt. Wegen des einsetzenden Regens wurde der gemeinsame Abschluss kurzfristig in das Potsdam Museum verlegt. 

In der Potsdamer Mitte wurde der Bogen von historischen Genossenschaftssiedlungen zu aktuellen Aufgaben der Stadtentwicklung geschlagen. Die WG „Karl Marx“ Potsdam eG hat am Alten Markt ein Wohn- und Geschäftshaus mit Wohnungen und Gewerbeflächen errichtet. Die PWG 1956 engagiert sich ebenfalls für die Entwicklung der historischen Mitte und weiterer Gebäude in der Anna-Zielenziger-Straße. 

Die Projekte zeigen, dass Wohnungsgenossenschaften nicht nur Wohnungen verwalten und Bestände modernisieren. Sie wirken aktiv an der Entwicklung Potsdams mit. Dabei gilt es, historische Architektur, moderne Wohnformen, Gewerbe, Dienstleistungen und soziale Verantwortung miteinander zu verbinden.

Genossenschaften als Partner der Stadtentwicklung

Zum Abschluss sprachen Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel und Matthias Brauner vom BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. über die Rolle der Genossenschaften und die Zukunft des Wohnens in Potsdam. 

Noosha Aubel würdigte die Wohnungsgenossenschaften als verlässliche Partner der Landeshauptstadt und hob ihren Beitrag zu bezahlbarem Wohnen und stabilen Nachbarschaften hervor. Matthias Brauner verwies auf die großen Herausforderungen, vor denen die Wohnungswirtschaft steht. Steigende Baukosten, höhere Zinsen, Anforderungen an Klimaschutz und Wärmewende sowie der Denkmalschutz müssen mit dem Ziel bezahlbarer Mieten in Einklang gebracht werden.

Beim anschließenden Buffet blieb Zeit, die Eindrücke der Tour auszutauschen und die Gespräche über genossenschaftliches Wohnen fortzusetzen.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einer Route

Der Potsdamer Genossenschaftstag machte sichtbar, wie eng die Entwicklung der Stadt mit ihren Wohnungsgenossenschaften verbunden ist. Historische Siedlungen, modernisierte Bestände, restaurierte Denkmale und aktuelle Bauprojekte erzählen gemeinsam von mehr als einem Jahrhundert genossenschaftlicher Stadtgeschichte.

Für die PWG 1956 bot die Fahrradtour die Gelegenheit, drei sehr unterschiedliche Seiten ihres Engagements zu zeigen: die Bewahrung eines besonderen Denkmals an der Einsiedelei, die Pflege eines gewachsenen Wohnquartiers am Schragen und die Mitwirkung an der Entwicklung der Potsdamer Mitte.

Dabei wurde deutlich: Genossenschaftliches Wohnen ist kein Modell der Vergangenheit. Es bleibt eine wichtige Antwort auf aktuelle Fragen des Wohnens und der Stadtentwicklung. Es verbindet langfristige Verantwortung mit bezahlbarem Wohnraum, nachhaltiger Bestandsentwicklung und dem Gedanken, dass Wohnen immer auch etwas mit Gemeinschaft zu tun hat.

Josephine Braun, 07.09.2026