Ein Leben für den Wohnungsbau
Bauingenieur Wolfgang Hunschok hat die 1956 mitgeformt.
Vor dem Interviewbesuch hat sich Wolfgang Hunschok eigens Notizen gemacht. Schließlich kommen in 86 Jahren viele Stationen zusammen. Im (heute zu Polen gehörenden) niederschlesischen Groß Wartenberg kam er zur Welt, erzählt er uns. Der Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, gemeinsam mit seiner Mutter und dem zwei Jahre älteren Bruder wurde er 1945 aus der Heimat vertrieben. In Zittau studierte Hunschok später Bauingenieurwesen.
Seine ersten Sporen verdiente sich der Berufsanfänger bei Brückenbaustellen, darunter der Langen Brücke. „Danach war ich in Eisenhüttenstadt in der Bauleitung auf der größten Baustelle der DDR, bevor ich ganz nach Potsdam geholt wurde.“ Hunschok schloss Bekanntschaft mit der an die VEB Bau-Union angeschlossene Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG). Am 2. Mai 1968 zog er mit seiner zwei Jahre jüngeren Frau auf den Kiewitt.
Wohnungsbau in Eigeninitiative
Eher unfreiwillig fand sich Wolfgang Hunschok in der Leitung des Plattenwerks wieder. Kaum im Job wurde er von der Lokalpresse persönlich für den fehlenden Nachschub auf den Baustellen verantwortlich gemacht. „Bislang fuhr das Werk nur im Zweischichtbetrieb, ich wollte auf drei Schichten umstellen“, erinnert sich der Veteran. „Die Mitarbeiter sagten, wir machen nur mit, wenn wir eine Wohnung kriegen.“
Das stellte den Chef vor große Herausforderungen. „Mir wurde der Rat gegeben, die Wohnblöcke selbst zu bauen“, schildert Hunschok. „Der ehemalige Bauleiter der Langen Brücke war inzwischen beim Rat der Stadt und bat um einen Standort für zusätzliche Wohnblöcke in der Waldstadt I.“ Auch die Kollegen vom Tief- und Grünanlagenbau erklärten sich zum Anpacken bereit – im Tausch gegen Wohnraum.
Seine Selbsthilfe brachte Hunschok gehörigen Ärger ein. „Was erdreistet sich der neue Plattenwerksleiter, über unsere Köpfe hinweg drei Blöcke zu bauen und den Wohnraum selbst zu verteilen, schrieb der Technische Direktor an den Kombinatsleiter. Natürlich musste auch die Führungsebene noch Wohnungen abbekommen.“
Der Doktor neben dem Arbeiter
Die Eigenmächtigkeit stand einer langen Karriere bis in die oberste Leitung nicht im Weg. Mehr als zwei Jahrzehnte engagierte sich Wolfgang Hunschok zudem im ehrenamtlichen Vorstand der AWG Fortschritt. Die Gewerkschaft und die staatliche Leitung entschieden, wer in der Genossenschaft Wohnraum bekam. „Ich habe aber darauf geachtet, dass sich die Belegung in den Aufgängen mischt, so bekamen ein Doktor und ein Diplom-Ökonom Arbeiter und einfache Angestellte als Nachbarn.“ Als Vorstandsmitglied begleitete er die ersten beruflichen Schritte von Matthias Pludra. „Wir überredeten ihn zum Fernstudium, dafür habe ich ihm mein Reißbrett geschenkt.“ Hunschok schreibt es auch Pludras Wirken zu, dass sich die heutige PWG 1956 so gut entwickelt hat.
Nach der Wende blieb Hunschok bis 2025 als Wählervertreter aktiv. Nach Auflösung des Kombinates heuerte er bei einem West-Berliner Büro als Bauleiter an und betreute unter anderem ein Projekt auf der Brandenburger Straße. Als Ausgleich schuf er sich 1994 mit seiner Frau auf einem eigenen Grundstück in Wilhelmshorst ein Haus mit großem Garten. Hier wären sie gerne bis zum Lebensende geblieben, doch ein Autounfall im vergangenen Jahr machte ihnen einen Strich durch die Planung.
Ende Januar ist das Paar in den Schoß der 1956 zurückgekehrt und lebt jetzt in einer kleineren Wohnung. Im selben Aufgang trifft er immer wieder einen Nachbarn, den er einst selbst da untergebracht hat. „Der Abschied vom eigenen Haus ist eine ganz bittere Pille“, bekennt der Ruheständler. „Doch wieder nach Potsdam umzuziehen, ist wie eine Rückkehr zu meinen Wurzeln.“
Torsten Bless, 23.02.2026